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12. April 2015 7 12 /04 /April /2015 10:06

Judith Malina ist gestorben. http://www.repubblica.it/spettacoli/teatro-danza/2015/04/10/news/addio_a_judth_malina_anima_del_living_theatre-111647727/?ref=search#gallery-slider=111648182
88 Jahre alt. Weißt jemand noch, wer sie war? Das Living Theatre? Julian Beck? Wie viele Ewigkeiten ist es her? Wie lange schon sind diese Lebenswirklichkeiten aus unseren Lebensrealitäten verschwunden?

Ende der 60er Jahre, Italien, ich Gymnasiastin, ich und meine ganz ersten frischen politischen Erfahrungen. Meine Meister im Weltverstehen: Die Genossen jenes Kollektivs im Dorf nördlich von Florenz (ja, auch im kleinsten Dorf probte man die Revolution, Schüler und Studenten und viele Handwerker und manche Arbeiter). Das Teatro Metastasio in Prato: Eine Hochburg der besten bürgerlichen Kultur in dieser kleinen damals reichen Stadt.
Der Wind vom Living Theatre wehte durch Italien: An der Universität in Rom hatte es Aufstand mit Polizeieinsatz gegeben. Und ich: Danke dem Kollektiv hatte ich Dario Fo entdeckt. Nun schleppten mich die Kollektivgenossen ins feindliche sonst gemiedene Theater, Stuckschmuck und weinrote Samtsessel, zum Living, das hier Zuflucht gefunden hatte nach dem Auftrittverbot von der Universität in Florenz infolge der römischen Ereignisse.

Nie werde ich die nackten Körper vergessen, wie sie sich auf den Schoss von Herren mit Anzug und Krawatte setzten, ihnen Ausweis, Geld und das, was sie sonst fanden, aus den Taschen herausfingerten und in die Luft schleuderten: Anarchisten brauchen keinen Pass, Anarchisten (er)kennen keine Grenzen. Wir, die ersten auf der Bühne mit den Living-Nackten und der Versuch, uns zu verständigen. Naiv. Waren da Worte nötig? Um die spontane notwendig gewordene unvermeidbare Revolution zu machen, brauchte man vielleicht noch mehr Worte, als die die schon gesprochen waren? War das nicht Paradise Now? Auf die Straße (in strada!) wurde ausgerufen, denn auf der Straße entschied sich alles. Und wir übrigen (die Anzugstragenden hatten schon längst die Flucht ergriffen) gingen aus dem Theater heraus auf die Straße, Julian Beck voran, Judith Malina auf seinen Schultern, dieser magere knochige Mann vor, sie über uns da oben. Die Straße in der Altstadt von Prato war leer.
Wir gingen nach Hause. Ich hatte kaum verstanden. Hätte aber auch nie vergessen.

Anfang der 90er Jahre. Und dann: Judith Malina wieder. Volterra, Theaterfestival, warme Sommernacht unter den Bäumen. Das Theaterstück hieß Maudie and Jane, aus einem Buch von Doris Lessing. Malina nie vergessen: Sie spielte die alte Maudie, zog sich nackt in jener Badewanne aus und setzte (wieder!) ihren ganzen Körper ein. Dieses Mal waren es ihre Falten, die Zerbrechlichkeit ihres alten Körpers, die sie erbarmungslos nutzte: Als Provokation gegen diese Welt der ewig Jungen, gegen unsere Ängste, gegen die Verdrängung und all die Tarnungsversuche des Altwerdens, gegen die Abstellgleise (grenzt das nicht an Diskriminierung manchmal?), auf die man zu nix mehr nützliche, unschöne alte Menschen abzuschieben pflegt. Das war ihr Ruf nach Freiheit, nein, das war doch kein Ruf, es war eine Behauptung, es war schon ihre Freiheit, die Freiheit der Judith Malina.

Jahre dazwischen. Und dann: Stuttgart, Theaterhaus, The Brig, eines der legendären Stücke vom Living Theatre. Nicht mehr Paradise Now sondern The Brig.

Es gibt Ereignisse, Menschen, Kontakte, Bücher, Erfahrungen und sonstige Dinge, die uns durch die verschiedenen Etappen des Lebens begleiten, bleiben ewigkeitenlang im Verborgenen, um irgendwann wieder aufzutauchen, als wären sie solange Teil unseres Bluts durch die Bahnen des Körpers geflossen, als hätten sie im Feinnervigen unseres Gedankensystems Ablagerungen (Hypostasen) gebildet.

Jahre dazwischen. Und dann: Judith Malina ist gestorben, Judit Malina ist nicht tot.

 

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Published by Loretta Petti
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