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19. Juni 2017 1 19 /06 /Juni /2017 12:14

 

Vor etwa einem Monat erschien in der Presse der Jahresbericht der hiesigen Lebensmittelüberwachung (sowie Verbraucherschutz und Veterinärwesen, so der komplette Name der Behörde). Uns beschäftigt der Bericht immer noch und nicht wegen der üblichen begleitenden Horrorbilder. Vielmehr sind es einige Behauptungen vom Leiter der Lebensmittelüberwachung, Thomas Stegmanns, die zu denken geben:
„Asiatische Betriebe sind nicht mehr der Schwerpunkt“ – so die Erklärungen von Herrn Dr. Thomas Stegmanns, nicht ganz frei einer gewissen Voreingenommenheit   – „Vielmehr gehe es querbeet um kleinere Betriebe mit überforderten Besitzern und weniger als zehn Mitarbeitern…“ (wir zitieren aus der SZ vom 10.5.17 Seite 17).

Meint vielleicht Herr T.S., dass größere Betriebe (das heißt für die Stadtmitte im Grund fast nur Fastfood-Filialen) keine Problemzone darstellen? Meint er vielleicht, dass die kleinen Gastronomen mehr als die großen die Aufmerksamkeit der Lebensmittelüberwachung verdienen, weil sie mehr als die großen herumwursteln, Dreck in ihren Kühlschränken lagern und nur drauf und dran sind, ihre Gäste hinterlistig mit ungesundem (chemisch)verseuchtem Essen zu vergiften? Meint er vielleicht, dass das Personal der kleinen Gastrobetriebe viel weniger als die Mitarbeiter der großen Filialen sich kümmert, weil alles sowieso nach einem vorgegebenen System wie am Fließband vorbereitet bzw. schon vorgekocht geliefert wird und nur aufgewärmt werden muss? Meint Herr Dr. S., dass die individuelle, persönliche, besorgte Sorge um die Gäste nur bei den Großen zu finden ist? Meint er vielleicht, dass die 20 Kg-Eimer, die die Lebensmittelkontrolleure in manchen (größeren) Kühlräumen finden, „sauber“ sind, nur weil sie geschlossen da stehen und die Liste der Zusatzstoffe, die niemand vom Personal liest, kleingeschrieben auf der Außenseite tragen? Bequem sind die Eimer bestimmt. Bequem für alle: Die Esslokale müssen nur dafür sorgen, dass die Liste der Allergene und Zusatzstoffe irgendwo sichtbar hängt, die Lebensmittelkontrolleure müssen nur kontrollieren, dass die Behälter gut geschlossen da stehen. Damit ist es um die Gesundheit der Verbraucher getan.

Noch erstaunlicher klingen die Erklärungen von Stegmanns, wenn man bedenkt dass OB Fritz Kuhn nicht lange her auf einer großen Veranstaltung wieder beteuert hat, wie wichtig ihm seien die einzelnen selbständigen Geschäfte (also, Kneipen auch) in der Stadtmitte. Wenn dieses Ihr Programm ist, Herr Kuhn, weißt möglicherweise ihre linke Hand nicht, was ihre rechte bzw. die Stadtverwaltung tut? Herr Stegmanns scheint da ein anderes Programm zu befolgen und andere Prioritäten zu setzen.

Nein, ich plädiere nicht für extra Toleranz für die Kleinen, auf keinen Fall. Es wäre aber wünschenswert, dass die Kontrolleure ihren Blick schärfen und sich tatsächlich um die Gesundheit und den Schutz der Verbraucher kümmern, in dem sie hauptsächlich Lebensmittel und nicht hauptsächlich  Seifenspender kontrollieren.

Denn Herr Dr. Thomas Stegmanns irrt sich. Wenn es Gastronomen gibt, die die von ihnen verarbeiteten Grundstoffe kennen, dann die kleinen, weil sie jedes einzelne Stück von irgendetwas selber gekauft haben und in die Hand nehmen. Wenn es Gastronomen gibt, die sich für Herkunft und Herstellung ihrer Lebensmittel interessieren, dann sicher nicht die vorprogrammierten Fließbandvorbereiter der großen Fastfoodverteiler. Wenn es Gastronomen gibt, die auf Qualität Wert legen, dann die kleinen. Wenn es Gastronomen gibt, die sich Mogeleien nicht leisten können, dann die kleinen, weil sie den persönlichen Kontakt zu ihren Gästen haben. Wenn es Köche gibt, die „slow“ und individuell ihre Küche erfinden, die Trend machen, Zeichen setzen, eine Stadt beleben, weil sie die verschiedensten Leute anziehen, dann sind es die besser motivierten der „kleineren Betriebe mit weniger als 10 Mitarbeitern“ und nicht die der großen Kettenfilialen. Und auch nicht unbedingt die Sternerestaurants.

Entweder existiert in einer Stadt, ja auch in der Mitte einer Stadt  (in Italien heißt die Mitte übrigens „centro storico“) eine Fülle von kleineren selbständigen Gaststätten mit „Geschichte“ und Tradition oder verkommt die Mitte zu einer Ödnis des „modernen“ Fast Foods.

Herr Stegmanns mag den Kampf gegen die bunte Vielfalt der Gastronomie in der Stadt in Eintönigkeit mit dem Rest der Verwaltung weiter führen (siehe ganz aktuell der Fall Wilhelmsplatz). In einem irrt er sich aber noch: Die Besitzer von kleineren Betrieben mit weniger als zehn Mitarbeitern sind nicht überfordert: Sie werden überfordert. Oft unnötigerweise.

 

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Published by Loretta Petti
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