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9. Oktober 2017 1 09 /10 /Oktober /2017 17:25

Abends, schon spät, ich muss Lasagne vorbereiten und entdecke am letzten Augenblick, dass ich keine Lasagnaplatten mehr habe. So renne ich zum nächsten Discounter und kaufe das Erste, was im Regal zu finden ist: Barilla, Collezione Lasagne (auf der Packung viele Sprachen, nur kein Italienisch). Wieder in der Küche fällt mir sofort auf, dass die Konsistenz ungewöhnlich bröselig ist: Kaum nehme ich die Platten in die Hand, gleich zerbröseln sie in viele kleine Stücke (während andere Lasagnaplatten sich normalerweise nur mit Kraft brechen lassen).
 Die größte Überraschung kommt aber nach dem Überbacken: Der Teig ist  einfach verschwunden! Zu Brei geworden haben sich die Platten mit der Soße vermischt, so dass daraus eine Art cremige dicke Suppe geworden ist. Im einzigen glücklicherweise noch offenen Geschäft kaufe ich abermals Lasagnaplatten von einer anderen Marke und  wieder in der Küche schichte ich die Lasagne von neu an mit  der dicken „Creme“, die ich Barilla sei Dank in unerwartetem Überfluss da habe.

Zwei Mal die gleichen Lasagne machen müssen, dazu noch der nicht gerade niedrige Preis: Ich konnte vom Gefühl nicht weg kommen, betrogen worden zu sein. Vor allem fühlte ich mich wegen der Lüge betrogen: Die Barilla wollte mir etwas (gepresster und getrockneter Brei? Crackers aus Mehl und Wasser?) als Lasagne verkaufen, das keine Lasagne war. Beleidigt und sauer. So habe ich die Barilla angerufen.
Wenige Tage nach meinem Telefonat kam der Rückruf aus dem Firmenhauptsitz in Parma.  Ja, richtig, die Collezione sei zwar eine Produktlinie fürs Ausland, trotzdem lege die Barilla Wert darauf, auch außerhalb Italien die echte gute italienische Pasta zu vertreiben – beteuerte wiederholt der Barilla-Mann –  und diese Pasta sei doch mit Hartweizen hergestellt, ein hochwertiges Produkt also, und wenn da was nicht stimmt, dann weil vermutlich in dieser einen und einzigen Phase der Produktion etwas schief gelaufen sei… Es gebe sonst keine andere Erklärung. Der Mann nimmt sich viel Zeit, um mich zu überzeugen, er bedankt sich sogar für meine Meldung. Zum Schluss will er mir unbedingt die Güte von Barilla beweisen und sagt eine Sendung an.

Wenige Tage nach dem Anruf kommt der angesagte Linsenteller, mit dem die Barilla mich zu kaufen… pardon zu überzeugen gedenkt: Zwei große Kartons, einer mit Lasagnaplatten und der andere mit Pennette direkt aus Italien werden uns in den Laden hinein getragen. Dieses Mal sind es Lasagne der gleichen Linie „Collezione“, aber all’uovo (mit Ei): Offensichtlich will die Barilla kein Risiko eingehen, denn Eiernudeln halten eher zusammen. Trotzdem werden wir auch von diesen besseren Lasagne in unserer Vemutung bestätigt, die Barilla ist dabei, die Welt der Lasagne für immer zu revolutionieren. Diese Eier-Collezione ist genauso bröselig wie die erste. Nach 2 Minuten im Backofen ist der Teig zwar nicht ganz verschwunden, jedoch sehr breiig und weich geworden. Als ob das eine Pasta wäre, die man nicht kochen braucht: Es reicht, wenn man einfach eine heiße flüssige Soße darauf verteilt, etwas ziehen lässt und schon nach kürzester Zeit ist die Lasagna „fertig“.  So schnell geht es.

Ja, schnell, das ist das Zauberwort: Schnell wie fast food.
Fast food ist nicht nur das, was man auf die Schnelle essen kann, sondern alle Lebensmitteln, die durch standardisierte Prozesse schnell angebaut, produziert, groß gezüchtet, hergestellt werden. Und fast food ist auch etwas, das besonders schnell gegart werden kann. Das Wort „fast“ bezieht sich also auf die Wachstums-, Produktions- und Reifungsprozesse, damit bezeichnet man das, was danke besonderen Produktionsmethoden in der möglichst kürzesten Zeit auf unseren Teller kommt. An sich gar nicht schlecht, könnte man denken: Man spart Zeit und Geld.

Industrielle Produktion ist aber auch immer serielle Produktion. Und wenn man von Lebensmitteln spricht, fängt das Problem da an: Selbst Obst und Gemüsen werden zu einem standardisiertem Produkt, das immer gleich schmeckt, immer die gleiche Farbe und Form hat, schön aussieht und nicht kaputt geht. Dass man für diese meistens großflächige Produktion die Vielfalt vernichtet und in manchen Fällen unsägliche Umweltschäden verursacht, wird zu oft zu gern übersehen. Denn dafür gewinnen wir mehr Zeit, sparen (angeblich) Geld und die Lebensmittelkonzerne ihrerseits profitieren auch einfach....mehr.

Warum sich so ärgern wegen Lasagnaplatten, eines Nischenprodukts?
Der Lebensmittelkonzern Barilla, Pasta-Marktführer, bringt auf den Markt eine Sorte, die in zwei Minuten fertig ist, und macht uns - Menschen ohne Zeit -  glücklich: Endlich können wir dieses fast food selber zu Hause frisch und ohne Mühe vorbereiten. Wozu sich ärgern, wenn die Barilla sich zwar eine Arbeitsfase, nämlich das Kneten, spart und uns aber Zeit schenkt? Die Barilla hat ihren Vorteil (weniger Produktionskosten) und wir haben unseren Vorteil.

Im Grunde handelt es sich hier nur um eine Marketingstrategie: Es geht nur darum, ein Produkt unter den vielen schnellen foods auf dem Markt durchzusetzen. Bis die meisten von uns glauben werden, dass dieser getrockneter Brei die echten Lasagne, während alle andere die „falschen“ sind. So ändert man das "Gesicht" eines Produktes und macht man aus einer langsamen Pasta den schnellen Lasagne-Auflauf. E così è fatta la frittata!  

Zum Schluß bleibt noch die Frage: Was tun mit den zwei Kartons Barilla-Nudeln, die wir da haben? Zunächst hatten wir gedacht, sie an Kunden und Gäste als kleines Weihnachtsgeschenk zu verteilen. Dann haben wir aber auch gedacht, dass wir unsere Kunden und Gäste mögen… und lieben Menschen will man nur Gutes schenken. So dachten wir weiter, die bösen schlechten Kunden sollen die Barilla-Pasta bekommen. Uns fallen aber keine bösen oder schlechten Kunden ein: Schlechte Menschen, die wir mit Barilla bestrafen könnten, kommen nicht zu uns.
Was tun also?

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Published by Loretta Petti
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