Durch Loretta Petti
Als ich auf mein Lastenrad vor dem REWE am Marienplatz steige, ist die Ampel noch grün. Sie wird gelb, als ich auf der ersten Hälfte der Überquerung bin, habe ich kaum die andere Straßenseite erreicht und ist sie schon rot. Der Motor der vor der Ampel wartenden Autos läuft noch nicht, für sie leuchtet es noch nicht grün, als ein Wagen davor, ein Transporter hinter mir hupt. Irritiert tue ich das, was eigentlich selten meiner Art entspricht, etwas zu kommunizieren: Ich zeige den Finger. Denn dieses Hupen, unnötiges Überholen, Anpöbeln erlebe ich als Radfahrerin oft und es geht mir heftig auf die Nerven.
Ich erreiche den Marienplatz, drehe mich zum Transporter um und erst jetzt sehe, wem das berüchtigte Zeichen gegolten hat: Es handelt sich um einen Polizeiwagen. Ooops! Ohne es zu wollen, habe ich ausgerechnet der Polizei den Stinkefinger gezeigt. Das wird Folgen haben, wird mir sofort klar, sie werden weiter fahren, denke ich mir, in die Tübinger Straße einbiegen und mich da halten. Ich fahre also weiter auf dem Marienplatz in die Richtung und erwarte sie am Anfang der Tübinger Straße.
So wird es aber nicht, sondern stellt euch die Szene mal vor: Gleich an der Ampel steigt ein Polizeitransporter rechts auf den Marienplatz, mit Blaulicht und offener Sirene macht Jagt unter den Fußgängern auf eine übergewichtige Siebzigjährige (mich), die ein schweres langsames Lastenrad fährt, überholt sie und mit einer schnittigen Vollbremsung kommt quer vor ihr (noch auf dem Platz) zum stehen. Wie im besten action movie.
Die Polizistin und der Polizist kündigen mir gleich an, dass ich eine Anzeige kriege. Ich entschuldige mich, meine war eine unbedachte Reaktion, sage ich, als Fahrradfahrerin erlebt man viel Unschönes, begründe ich. Wenn das passiert, sollen Sie uns anrufen, fordert mich die Polizistin auf. Nicht unbedingt die beste Strategie das hier, um mein Vertrauen zu gewinnen, denke ich, behalte aber den Gedanken für mich. Na ja, die Situation wird sich spontan entspannen, sage ich stattdessen, und man wird sich auch in Stuttgart an uns Radfahrer gewöhnen, die Polizei hat sicher Wichtigeres zu tun.
Am nächsten Morgen parkt ein Polizeiauto einbahnstraßenverkehrt vor dem Nachbarhaus, sodass die Kamera im Wagen jede Bewegung aus meinem Hof aufnehmen kann. Als der bescheidene Mensch, der ich bin, scheint mir die Idee, dass meine Wenigkeit soviel Überwachung verdient, ziemlich abwegig. Und doch bleibt das Auto den halben Tag da stehen und verschwindet unauffällig gegen Mittag.
Wenige Tage später bekomme ich Post vom Amtsgericht: Wegen „Beleidigung in zwei tateinheitlichen Fällen“ werde ich zu einer Geldstrafe von 1.750 Euro verurteilt, die dann nach meinem Schuldbekenntnis und Angabe meiner wirtschaftlichen Verhältnisse auf 875 Euro reduziert wird.
Nie hätte ich gedacht, dass mein Mittelfinger soviel wert ist.
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