Durch Loretta Petti
R. war mein Freund und Partner in Tübingen gewesen, in jenem anderen Leben von mir. Knapp 6 Jahre hatten wir zusammengelebt, uns viel gestritten, oft gegeneinander gekämpft, uns aber auch sehr und viel geliebt. Dann ging es nicht mehr. Ich war aus der großen schönen Wohnung im Zentrum von Tübingen ausgezogen und dann ganz weg aus der Stadt.
Zehn Jahre danach rief er mich nun ganz unerwartet in Montepulciano an, wo ich seit einiger Zeit zurückgekehrt war. Eine Woche nach dem Anruf stand er vor meiner Tür. Er war wie geschwollen, lachte verlegen, der Blick hatte etwas unbeständiges, verrücktes.
Kaum hatte er sich hingesetzt und: - Leukämie, ja Blutkrebs, das war sein Lottogewinn - sagte er mir gleich. Das hatte er vor Kurzem entdeckt. 4 Jahre Leben, das war die Zeit, mit der er noch rechnen durfte, sagten ihm die Ärzte. Einige Tage lang versuchte ich mich mit der Verzweiflung dieses mir fremd gewordenen und doch noch wohl bekannten Menschen zu beschäftigen, versuchte ihn zu trösten, ihm ein Paar gute Gründe zu geben, um aus dem Leben, das ihm noch gegeben war, möglichst viel zu machen. Er fuhr dann weg und hinterließ seine Verzweiflung: es war als ob der Tod wie eine unsichtbare Schicht, eine Patina an meinem Körper, an meinen Tagen und an meinen Gedanken haften würde.
Mit R. war der Krebs in mein Leben "eingetreten". Kurz danach traf es meinen Vater. Er wollte es nicht wahr haben. Wir sahen zu, wie das Monstrum innerhalb von knapp 6 Monaten ihn wie weg fras: er war zu einem Häufchen von der Bestrahlung gebräunter Knöchelchen geworden und trotzdem schrie er noch nach Leben. Bis zum letzten Augenblick.
Wenige Jahre vergingen und meine Mutter war dran. Zwei Jahre, sagten die Ärzte und sie wußte, daß sie mit dem Tod umgehen lernen mußte. Und mit dem Rest Leben, der ihr noch gegeben war. Damit sie sich den Verlauf der Krankheit und der Chemotherapien bewußt machen und vielleicht besser damit umgehen konnte, hatte ich ihr empfohlen, Tagebuch zu führen.
- Heute weniger Schmerzen, im Garten gearbeitet, nicht so schlecht gegangen... Heute gar keine Schmerzen gehabt, ging mir sehr gut. Freunde getroffen. Es war ein wundervoller Tag - Schrieb sie dann. Das Tagebuch habe ich bei mir und kann darin nicht lesen. Die schönen Momente mit ihr, jene Mutter wie ich sie kannte, das sind die Bilder und die Erinnerungen, die mich noch Jahre nach ihrem Tod stark berühren, das vermisse ich noch. Ihre Agonie war dann sehr lang und leidvoll. Sie auch hatte der Krebs zu einer anderen Person verunstaltet, zu einer anderen Erscheinung. Ich habe ihr gewünscht, daß dieser Tag, daß diese Nacht ihre letzten werden.
Die Vorstellung, daß jemand mit dem Krebs spielen kann ist unerträglich und unerklärlich. Vor wenigen Tagen habe ich von Leuten, die mir bekannt sind, einen Aufruf bekommen mit der Aufforderung, ihn weiterzuleiten. Kurz habe ich gezögert und mich gefragt, ob der echt sei. Man will aber nicht glauben, daß jemand (was für Leute sind das?) damit spielen kann. So habe ich den Aufruf weitergeleitet.
Nun: ES WAR FALSCH!! Bitte um Entschuldigung. Wer den mail "Hilfe für einen todkranken Menschen" über mich (oder über andere) bekommen hat soll das bitte stoppen. Es ist ein falscher Aufruf!
Tuesday, April 22, 2008
Grazie, mi dispiace.
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