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DIE SCHÖNSTEN DINGE SIND NICHT SELTEN DIE EINFACHSTEN

Dicke Bohnen werden sie genannt. Oder auch Saubohnen. Schweinefutter. Abschätzig klingt der Name. Fave auf Italienisch. Wenn man bei uns von einem Menschen sagt "Du bist eine fava... quella fava di..." heißt das gaaanzgaaanz geringschätzig "Du bist eine Niete... der Armleuchter soundso...". Ich erinnere mich aber an manche frische Frühlingsvormittage auf dem Land in Italien: Die Sonne hatte die feuchte Kühle der Nacht noch nicht gesogen, alles leuchtete grün, wie neu. Zum Frühstück hatten wir aus dem Garten hinter dem Haus die dicken Bohnen geholt, wir hatten Salz, wir hatten das weiße ungesalzene Brot und wir hatten den frischen milden Pecorino der Toskana. Die Hülsen knackten frisch als wir sie öffneten, um die Bohnen daraus zu nehmen, die wir dann leicht gesalzen zusammen mit dem Brot und dem Käse aßen.
Ist es die Sehnsucht nach jener Echtheit, nach jener Einfachheit der Dinge, die die Erinnerung verschönert?


Hier und jetzt habe ich dicke Bohnen, Salz, Olivenöl, Pecorino und kleine Artischocken. Der Garten woher sie kommen ist weiter weg, in Italien, aber aus einem Garten kommen sie doch, Rita hat sie von zu Hause mitgebracht: Noch währt der Geschmack von der Erde, von den Nächten und der Sonne. Die kleinen Artischocken sind auch aus Ritas Garten in Italien. Dort werden sie zum Einmachen genommen. Ich lasse die ersten härteren Blätter weg und tunke die anderen in ein kräftiges, leicht bitteres, stark nach Oliven schmeckendes toskanisches Öl ein, in das ich reichlich Salz zugegeben habe. Eine Offenbarung: Wie lange hatte ich schon kein "richtiges" Extravergine probiert? Der erste Gedanke ist: bitter. Der zweite: brennt im Hals. Der dritte: Oliven! Der vierte: Noch mehr Oliven! Der fünfte: Grün. Der sechste: So schmeckt ein wahres Olivenöl. Der siebte: Ich hatte vergessen, wie das ist, darf nicht mehr passieren, kostewaseskoste (na ja, gute Öle sind teuer)!
Der Käse ist dieses Mal kein toskanischer, sondern ein Pecorino aus den Marken: mild aber gleichzeitig voll und rund im Geschmack.
Das Salz, ja, das Salz ist ein Fleur de Sel de Guerande, kein normales Salz, sondern "etwas anderes": salzt weniger aber trägt in sich die geheimnisvollen Geschmäcker des Meeres und der Algen und der Wesen im Meer und... Man muß nur die Sinne öffnen und aufmerksam wahrnehmen, dann erschließen sich die kleinen Geheimnisse dieses Produktes, das (buchstäblich) von Menschenhand der Natur geklaut wurde.
Das Brot ist ein weißes aber kein toskanisches: Es stammt von unserem wunderbaren Italiener in Stuttgart und wird nach Apulienart gemischt und gemacht (jedes Mal, wenn sie nach Italien fährt, bringt Rita etwas von diesem Brot aus Stuttgart mit, denn bei ihr gibt es nichts dergleichen!).

Sind Sie mit Freunden zusammen? Stundenlang kann man davon essen, es ist leicht, es ist mild, es schmeckt und es macht Spaß. Nur die Finger werden braun von den Artischocken.

Ich bin allein und übe Multitasking: lese ein Krimi (Camilleri, leicht, gut geschrieben, mit Tiefgang, sehr sizilianisch dieser Commissario Montalbano), esse und genieße diese einfachen Natursachen, dabei/dazu trinke einen jungen fruchtigen Wein, einen Negroamaro (schöner Name für einen Wein!) aus Apulien. Der leicht bittere Geschmack der Artischocke läßt das Jugendliche und die Traube in diesem doch gut strukturierten Wein zur Geltung kommen. Das sind stille Momente der Fülle und des puren Genusses. Provare per credere! Sagt man in Italien.

Tuesday, May 27, 2008
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