Durch Loretta Petti
Die größte Überraschung war für mich der Pinocchio von Roberto Benigni (er führt Regie und spielt Pinocchio). Damals war der Film in Italien ein Flop: Schlechte Kritiken und auch nicht viel Publikum. Zu sehr Hollywood, meinte man. Es gab schon eine treue (und gute) Fernsehverfilmung des Buches aus den 70er Jahren, mit der diese neuere zu Benignis Ungunsten verglichen wurde.
Den Film habe ich zum ersten Mal gesehen und ... der hat mir ziemlich gut gefallen. Ich glaube, die Absichten Benignis zu verstehen: Er hat kein Hollywood nachmachen, sondern viel mehr die Spaßgesellschaft zeigen und kritisieren wollen.
Pinocchio stellt in der herkömmlichen Interpretation den bösen, schlauen, trotzigen Bube dar, der ganz egoistisch und sorgenfrei den armen Geppetto (den Tischler, der ihn geschaffen hat und als Vater fungiert) ausnutzt und hintergeht. Pinocchio begibt sich eher bewußt von einem Abenteuer ins andere, und jedes Mal wird er bestraft, bis er einsichtig und so zum guten (angepaßten) Jungen wird. Pinocchio ist ein sehr moralisches Märchen. Etwas bieder im Grunde. Das Buch bekommen wir Italiener schon sehr früh im Leben als fast Pflichtlektüre in die Hand. Gott sei Dank ist das eine Lektüre, die viel Spaß macht. Aber die Moral...
Benigni kommt vom politischen Kabarett, er ist immer eine scharfe rebellische Zunge gewesen. Auch dieses Mal bleibt er kritisch, nur er tut es leiser, vermittelter. Anders als in der älteren Verfilmung ist der Pinocchio von Benigni grundsätzlich kein böser Bube: Seine Absichten sind gut, er möchte wirklich in die Schule gehen, er möchte einen Beruf lernen, er ist solidarisch mit seinen Freunden, er ist eine heitere Seele. Naiv und oberflächlich ist er aber auch. Sind vielleicht nicht alle Italiener etwa so?
Pinocchio läßt sich leicht ablenken. Die Mythen dieser Gesellschaft, die großen Lügen lenken ihn ab: Die Illusion von Geld, viel Geld leicht und schnell gemacht, Spass und Unterhaltung bis zum umfallen.
Neulich in Portugal bin ich zufällig abends nach Albufeira gekommen. Als ich die Szenen vom "Land der Spiele" (il Paese dei Balocchi) im Film von Benigni gesehen habe, kam gleich die Erinnerung an jene Nacht. Das Land der Spiele ist Algarve, Ibiza, Rimini und Riccione gleichzeitig. Und Pinocchio im Land der Spiele ist der moderne Durschnittsmensch, der für eine Weile dem grauen Alltag entgehen möchte und dafür sich in die Hölle dieser Spaßhochburgen hineinstürzt, ohne zu merken, daß diese keine Alternative, sondern eher eine Überspitzung seines Alltags und all dessen Zwänge sind.
Pinocchio ist im Film von Benigni der Durchschnittsitaliener, der sich von den Mythen der Spaßgesellschaft und von den Berlusconis dieser Welt zu gerne blenden lässt.
Geppetto ist hier auch nicht nur der gute, immer wieder von diesem Sohn getäuschte und enttäuschte Vater, nein, er ist einer, der aufblüht, als Pinocchio ihn mit den Gütern des Konsumismus versorgt und heilt: Dabei ist es ihm völlig gleichgültig, daß der Sohn sich "kaputt arbeitet", um das alles für ihn besorgen zu können. Der Generationenpakt funktioniert auch nicht mehr so gut, nicht mal im Märchen, und selbst in Italien nicht mehr, scheint Benigni sagen zu wollen.
Auch im Film von Benigni wird am Ende aus Pinocchio ein guter Bube. Ganz ein guter? Im letzten Bild sieht man, wie der Schatten der Marionette noch frei herum springt. Der fröhlich-rebellische Charakter, das Anderssein von diesem sehr italienischen kleinen Italiener überlebt die totale Eingliederung in das normale Erwachsenenleben. Und das ist gut so. Auch wenn er so weiter riskiert, sich von der nächsten betrügerischen Illusion verblenden zu lassen. Das Kind in uns... Meint Benigni.
Tuesday, July 29, 2008
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