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Brachen

 

 

barcellona-504.jpg…Städte müssen als Gewachsenes, Wachsendes, ständig in Veränderung Befindliches, jedoch als etwas Unverwechselbares, Einmaliges, bestehend aus mannigfaltigen Gebäuden, Straßen und Plätzen unterschiedlicher Entstehungszeiten verstanden und betrachtet werden. Daraus erwächst der Charakter der jeweiligen Stadt als ein Zusammenspiel der geografischen Gestalt und der historischen Überprägung… Wie bei einem Buch zwischen den Inhalten der Seiten müssen zwischen den Elementen einer Stadt Zusammenhänge, durchaus auch überraschende, bestehen, damit die Lektüre verstanden wird, Spaß macht, spannend und interessant ist. Jede Stadt kann als offen liegendes, räumlich, atmosphärisch sinnlich erleb- und interpretierbares Lesebuch verstanden werden. Dessen Lektüre gibt uns die Gewissheit, in einer bestimmten Stadt zu Hause zu sein.

 

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 …Nicht nur die Architekten, wir, die Gesellschaft, haben verlernt, in Zusammenhängen zu denken und zu handeln. Wir haben verlernt, Spuren des Vorhandenen, der Vergangenheit, der Geschichte zu integrieren, einzubeziehen und damit den Menschen die Geschichte, das Gedächtnis und die Erinnerung der Stadt zu vermitteln. Es entstehen meist radikal neue Quartiere – und damit eine Stadt, deren „Sprache“ keinerlei Bezug zu Raum, Zeit, Geschichte hat. Mit der Technokraten- und Investorenmoderne geht vieles verloren: die Räume, die Raumfolgen, der Charakter, die Atmosphäre, das emotionale Stadterlebnis, die Stadt als Lesebuch, ja, auch die Geschichte unserer Existenz in dem jeweiligen Stadtteil… Das Auswechseln ganzer Quartiere und damit das Herstellen von Raum- und Sinnbrachen zerstören das Beziehungsgefüge der Stadt.

Wir sollten auch in Stuttgart vieles, allzu vieles nicht mehr dem Zufall, dem Markt und Investoren überlassen, die sich in ihrer Bilanz besser auskennen als in unserer Stadt. Wie aber kann in der Leere wieder Welt, wieder Stadt entstehen?...

 

 

 

 

 

 



(Roland Ostertag in den Stuttgarter Nachrichten von heute, 14.4.11, Seite 18: „Brachen verschütten die Erinnerung“
)  

 

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