Overblog Alle Blogs Top-Blogs Lifestyle
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU

Werbung

Lettera aperta – offener Brief an Schorlau

Lieber Schorlau,

Ihr neues Buch „Am Zwölften Tag“ finde ich spannend und informativ. Wie auch in anderen Ihrer Denglers Krimis gelingt es hier Ihnen, auf einer verständlichen Weise komplexe Zusammenhänge der Wirtschaft und der Politik aufzuklären. Dieses Mal geht es um die Massentierhaltung, um unser tägliches Fleisch also.
Trotzdem… Trotzdem bin ich der Meinung, dass Sie in diesem letzten Krimi den Einfluss des einzelnen Verbrauchers auf die Großen der Lebensmittelindustrie überbewerten. Ich glaube nicht, dass Vegetarier oder Veganer allein mit ihrer Entscheidung, aufs Fleisch zu verzichten, viel erreichen können: Höchstens leben sie gesünder (und das ist ja auch zweifelhaft, denn nicht Fleisch oder Gemüse, sondern die Produktionsweise macht den Unterschied). Viel mehr – und das beschreiben Sie sehr gut in den Monologen Carsten Osterhannes  - ist es die Lebensmittelindustrie, die das Konsumverhalten der Menschen beeinflusst und neue Bedürfnisse erweckt. Nicht umgekehrt. Nur als gezielter deklarierter Boykott gegen klar genannte Unternehmen würde ein massenhafter Verzicht aufs Fleisch etwas bewirken. Vegetarismus müsste zusammen mit der Aufdeckung von den Zuständen in den Massentierhaltung und der Schaffung von Transparenz (was die jungen Protagonisten Ihres Buches tun), also als deklariertes Kampfesmittel und nicht (so wie viele unserer besserwissenden und besserlebenden Grünen es tun) als moralische Haltung des Einzelnen praktiziert werden.

Das Problem ist vor allem politisch: So lange die Lobbies der Agrarwirtschaft und der Lebensmittelindustrie ihren jetzigen Einfluss behalten, wird nicht viel geschehen. Große Unnützprojekte wie S21 sind im Grunde nur die nächste Stufe von jener Aktivität –nämlich das Schaufeln von öffentlichen Geldern in die Taschen von wenigen Großunternehmen -, die diese Branche mehr oder weniger im Verborgenen schon seit langer Zeit praktiziert.

 Ohne eine gründliche Umstrukturierung der Tierzucht, der Produktion und Vertriebskette von Lebensmitteln, ohne klare strenge Auflagen und systematische Kontrollen an der Quelle wird sich wenig ändern. Der nach jedem Skandal laut werdende Ruf nach mehr Kontrollen in der Gastronomie und im Einzelhandel ist nix anderes als purer Populismus und beweist am deutlichsten die Machtlosigkeit der zuständigen Kontrollbehörden. Denn wir kleine, noch (nicht mehr lange) überlebende Gastronomen und Einzelhändler, die angeblich viel intensiver kontrolliert werden müssten, die gleichen Probleme und Schwierigkeiten der Endverbraucher haben.

Was tun also? Auf die großen Entscheidungen der großen Politik warten und sich in der Zwischenzeit mit nicht minder vergifteten und vergiftenden, industriell produzierten Gemüsen satt futtern?

Auf lokaler Ebene, ja auf lokaler Ebene und ganz pragmatisch sollte/könnte man doch gleich anfangen: Kommunen und Länder könnten die Kleinteiligkeit der Betriebe sichern, und das nicht unbedingt durch Zuschüsse, sondern viel mehr durch Eröffnung von neuen Märkten und Absatzmöglichkeiten sowie durch eine vernünftige Preispolitik,  sie könnten Verbrauchernetzwerke gründen helfen, Informations- und Erziehungsprogramme fördern, die schon in den Schulen anfangen.
„Wie kann ich gutes Fleisch kaufen, wenn ich nicht weiß, wer die großen Massenschlachtereien sind?“ fragt mich ein Freund, als ich ihm die Firma Westfleisch erwähne. Die Informationslücken sind noch sehr groß…
Kennen Sie die „Città del Gusto“ in Italien? Und wissen Sie, wie schwer es ist, für kleine Gastronomen an gute Produkte ranzukommen? Oder auch nur die Herkunft der Produkte zu erfahren? Wissen Sie, was es für die Preise einer Gaststätte (und letzten Endes für ihre Attraktivität) bedeutet, Lebensmittel zu 7% Mehrwertsteuer zu kaufen und 19% abgeben zu müssen? Nur die Sternerestaurants leisten sich wahre Qualität, weil sie sich die entsprechenden Preise auch leisten können. Eine gesunde Ernährung wie vieles sonst in unserer Gesellschaft ist ein soziales Problem und nicht eine Frage der Wahl zwischen Flora und Fauna. Das, was z.B. die italienische Gastronomie (in Italien meine ich) groß und gut macht sind nicht die Sterne, sondern jener Raster von Trattorie, von Gaststätten des mittleren Niveaus, die preiswert lokale Produkte (aus dem Gemüsegarten hinter dem Haus sozusagen) verarbeiten und ihren Gästen Preise bieten, die sich viele auch leisten können.        

Nun, zum Schluss, eines haben Sie jedenfalls bei mir mit Ihrem Buch gleich erreicht: Geflügel werde ich weiter aus Frankreich beziehen und möglichst ganz, mit Beinen und Knochen und allem; Putenfleisch werde ich aber nie mehr kaufen oder essen oder in meinem Lokal anbieten wollen!

 


Werbung
Zurück zu Home
Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post