Interview mit Sido, dem Rapper: „Als ich in den Westen rübergekommen bin, hatte ich Probleme mit anderen Kindern, die mich geärgert haben. Es war auf einmal nicht mehr der Brillenträger, der prädestiniert dazu war, fertig gemacht zu werden, sondern der Ostler. Ich war Brillenträger und Ostler. Keiner im Märkischen Viertel wußte von meiner Ostler-Vergangenheit. Als ich angefangen habe zu rappen, fanden wir Westler-Rapper uns besser als die aus dem Osten. Wir haben das sehr propagiert. Ab da habe ich in meiner Lüge viel zu tief dringesteckt. Einer der Anführer des West-Berlin-Hypes konnte ja kein Ostler sein.“ (SN, 26.11.09)
Als ich 10 Jahre alt war, ist meine Familie von Montepulciano nach Prato, nördlich von Florenz, umgezogen, aus einem tief ländlichen Gebiet in eine mittelkleine Stadt, in der die Textilindustrie boomte. Das geschah ganz am Anfang der 60er Jahre, als in Italien diese Entwicklung vom Agrar- zum Industrieland begonnen hatte, die in Kürze wie eine unaufhaltsame Welle einige alte Welten mit sich fortreißen würde. Ganze Scharen von Bauern folgten dem Lockruf der Industrie, dem Traum einer geregelten Arbeitszeit und eines festen Lohns, verließen die Bauernhöfe und gingen in die Städte. Es war eine starke Veränderung, eine Umwälzung: Eine jahrhundertealte Welt verschwand, eine neue entstand.
Meine Eltern folgten dem Strom.
Jahrelang hatte ich Hemmungen zu sagen, daß ich eine Bauerntochter war. Meine Bauernfamilie war groß gewesen, eine typische „Halbpächter“-Familie, in der Großeltern, Kinder, Enkelkinder und Schwiegertöchter zusammengelebt hatten. In Prato – obwohl hier meine Familie zahlenmäßig dem Durchschnitt der Moderne, Eltern und 2 Töchter, entsprach - war ich anders als die anderen Kinder: Ich kam aus einer Welt, die in Prato wenige noch direkt kannten und viele vergessen wollten. Die „Kultur“, die meine Eltern und ich vertraten war zum Verschwinden verdammt, schon viel schwächer als die des fortschreitenden siegreichen und Glück versprechenden Industrialismus. Und niemand will Vertreter einer besiegten Kultur sein.
Wie Udo der Rapper sah ich schon als Kind meine Welt verschwinden und lernte wie viele andere, sie zu verleugnen. Um „gleich“ zu sein, um dem Hype zu gehören. Schwächere Kulturen tarnen sich, passen sich an, neigen dazu, ziemlich schnell in die stärkere hinein zu schmelzen. So war es.
Wann habe ich angefangen, mich zu meiner Herkunft zu bekennen? Erst in der Adoleszenz, glaube ich, in dem Alter der großen Suche nach Identität, als ich lernte, die Erzählungen meines Großvaters aufzuhorchen, sah den Stolz von diesem groß gewachsenen rauhen Bauern und entdeckte die Solidarität mit ihm.
Viele Jahre danach kam dann auch diese Suche nach den Geschmäckern jener Zeit (man/frau kocht die Erinnerungen der eigenen Kindheit im Grunde...)...
Eine Umwälzung war das damals in Italien, die unser Leben und das ganze Land stark veränderte. Seitdem gibt es keine Halbpächter (mezzadri) mehr in der Toskana, es gibt keine Bauern mehr, und aus den alten Bauernhöfen hat man Villas gemacht...
In Deutschland kam auch die Wende, die große Umwälzung, die aus den Generationen danach etwas anderes gemacht hat.
In diesen spätsommerlichen, entsetzlich lauwarmen Wintertagen frage ich mich nun, wie lange noch wir in dieser Phase des „Dazwischen“ leben müssen, wann das nächste Umkippen der alten Welt in eine neue sich vollenden und was aus den jetzigen Menschen werden wird. Ja, weil die Erde ändert sich, liebe Freunde, ganz deutlich und ganz global: Sie wird wärmer!!