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UNSERE ALLTÄGLICHE DISKRIMINIERUNG/3


Viele, die keine deutsche Herkunft haben, versuchen, sich durch Kompensationsmechanismen reinzuwaschen, in dem sie härter als nötig gegen die eigenen Leute (und letzten Endes gegen das eigene Wesen) vorgehen. Man wendet zweierlei Maßstäbe an, um den Beweis zu bringen, daß man von der falschen auf die richtige Seite gewechselt ist.
Die Verkehrsüberwacherin hat einen italienischen Namen. Ich frage nicht danach, ob sie italienische Wurzeln hat, das geht mich wahrlich nicht an. Die Deutschen gibt es nicht mehr, muß ich jedoch während des Gesprächs denken, die gibt es nur noch in den Köpfen der Leute und in diesem verbissenen Versuch "bei denen" zu sein (eine deutsche Kultur gibt es noch, mit vielen schönen Seiten, Gott sei Dank, die man liebt!). Wer trotzdem noch an den "Deutschen" glaubt und in ihren Zug einsteigen will, glaubt auch, den Beweis herbringen zu müssen, einen guten, sogar einen besserer Passagier zu sein. Deswegen sind einige bereit, die Karte fürs Mitfahren auch doppelt zu bezahlen. Es gibt also andere Preise und andere Regeln für die "Anderen", denn in dem, was man bei den Deutschen an Tugenden voraussetzt, müssen sich die "Anderen" noch bewähren!
Das wird zu einer unsichtbaren Unterscheidungslinie, zu einer Diskriminierungslinie, an der alles gemessen wird. So scheint auch unsere Verkehrsüberwacherin (italienischer Herkunft?) zu denken: ich muß meine Ladetätigkeit zwischen 9,40 und 9,42 beweisen, was bei meinem deutschen Nachbar von vornherein als Selbstverständlichkeit, als gegebene Tatsache angenommen wird. Dabei entgeht unserer Verkehrsüberwacherin, daß sie somit das Gesetz oder in diesem Fall die Verkehrsregelung zu nichtig macht, denn so diese relativiert und der Willkür preisgegeben wird: Die Trennung, die Diskriminierung bestimmt die Anwendung einer Norm und nicht die Tat, nicht die Verletzung der Norm selbst.

So muß leider vieles, das für die "Deutschen" eine Selbstverständlichkeit ist, von den "Anderen" umkämpft werden. Und das jeden Tag neu. Unser alltägliches Vorurteil.


Die kleinen Erlebnisse der Diskriminierung läßt man jedoch fast immer fallen. Man übersieht sie lieber. So zahlt man die Verwarnungsgelder stillschweigend. So läßt man als Schwarze/r oder arabisch Aussehende/r die alltägliche polizeiliche Kontrolle über sich hergehen. Bis sie zu unserer Normalität wird.


Warum? Na ja... Weil Stuttgart ist viel kleiner als Berlin! Wenn man die kleinen Diskriminierungsfälle des Alltags ans Licht bringt, löst man Konflikte aus, zu denen man dann ganz persönlich stehen muß. Denn in Stuttgart geht es nicht anonym: in so einer mittelkleinen bzw. mittelgroßen Stadt ist man sichtbar, identifizierbar und so ist man mehr und öfters als in einer Metropole mit den Folgen des eigenen Tuns konfrontiert. Es ist deswegen leichter, die alltägliche Dosis an Diskriminierung hinunterzuschlucken. Im Namen des "quieto vivere". Mit der Zeit gewöhnt man sich. Danke der Gewöhnung kann man bald auch stärkere Dosis vertragen. So daß zum Beispiel ein Minister die (in post-RAF-Zeiten vermutlich kaum deutschen, meistens islamistischen) Terrorverdächtigen der gezielten Tötung freigeben will und das in uns nicht-Deutschen höchstens ein kleines Unbehagen verursacht, als ob es uns nicht angehen würde.
Mit unserer alltäglichen Dosis von Vorurteilen und Diskriminierung finden wir uns ab. Wir suchen uns lieber in dieser Stadt die Nischen und die kleinen heilen Welten, in denen Menschen noch frei denken (die gibt es noch) und so überleben wir so-halt-so-halb. Die Preise für die Ausländerfreundlichkeit Stuttgarts soll OB Schuster ruhig und feierlich in Empfang nehmen. Verwarnt vom Amt für öffentliche Ordnung werden wir sowieso regelmäßig.

Friday, July 13, 2007
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