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Einige Gedanken über die Sprachen, die wir sprechen

Vor kurzem hatte ich eine kleine spontane Bemerkung eingetragen über die verschiedenen Sprachen, die wir benutzen, und die Art wie wir mit Kopf und Magen dazu stehen. Ich habe einen wunderbaren mail bekommen, die ich mir erlaube, hier wieder zu geben.

Hallo Loretta
– schreibt Siglinde - habe grade mal auf Ihrer Nicht-Homepage gestöbert und bin auf Ihren Eintrag "Kopf und Bauch" gestossen, der mich doch nachdenklich gemacht hat.
Ich spreche neben meiner (deutschen) Muttersprache noch drei Sprachen, wie man so schön sagt "verhandlungssicher", und in der Tat war auch mir schon aufgefallen, daß ich die Sprachen in unterschiedlichen Tonlagen einsetze.
Deutsch liegt eigentlich relativ (hysterisch?) hoch.
Dasselbe gilt für englisch; ich habe nie in einem englischsprachigen Land gelebt, die Sprache als solche ist mir (außer bei Hemingway und Shakespeare) eigentlich auch nicht sehr sympatisch, sondern ein Arbeitsmittel bzw. Kommunikationsmittel in der Arbeitswelt. Hier würde Ihre Theorie vom Kopf zutreffen.
Französisch - in Paris habe ich gelebt, geliebt, gearbeitet und studiert und war sehr glücklich - liegt tonlagenmäßig tiefer.
Portugiesisch - in Lissabon habe ich die 12 besten Jahre meines Lebens verbracht - kommt tonlagentechnisch am meisten "aus dem Bauch" und entspricht am meisten meiner Singstimmlage - und auch spanisch, das ich nur sehr unvollkommen spreche und italienisch, von dem ich nur ein paar Worte kann, setze ich viel tiefer an als meine Muttersprache.
Heißt das jetzt nach Ihrer Theorie, daß ich eigentlich eine verkappte Latina bin, die der Storch nur aus Versehen am Rand der schwäbischen Alb verloren hat? Fakt ist: mit dem Bauch bin ich hier in Deutschland nie wieder richtig angekommen.
Jedenfalls: vielen Dank für den Denkanstoß - mal sehen, was sich draus entwickelt...

Ja, das meine ich: wir stehen zu jeder Sprache anders und jede Sprache beansprucht und "bewegt" unseren Körper und Verstand (mente, mind... warum gibt es auf Deutsch ein solches Wort nicht? Der Verstand ist es nicht...) auf ihre eigene Weise.

Ich spreche Englisch ungern...

...weil es eine sehr zackige, gebrochene Melodie hat. Englisch ist auch eine "geizige" Sprache, füllt nie den Mund, gibt sich nicht dem Sprechenden: Mit den vielen Halb- und Mischlauten müßte man sie am besten mit fast geschlossenen, zusammengezogenen Lippen zischen, um die Aussprache einigermaßen hinzukriegen. Unser italienisches rotierendes rrrrr... die eindeutigen oooo oder aaa oder uuu im Gegensatz...!
Ich spreche ungern Englisch, auch weil ich in meiner kurzen Zeit (wenige Monate) in der englischen Provinz keine schöne Erfahrungen machte.
Ich liebe aber die englische Literatur, liebe Tom Jones und die Bücher von Thomas Hardy und auch D.H. Lawrence. Ich finde die Geschichtsschreibung der Historiker in GB einmalig. Es ist als ob sie auf Grund der Eigenschaft dieser Sprache (schnell und pragmatisch) ganz natürlich eine besondere Gabe entwickelt hätten für die Beobachtung des Alltags und der Gesellschaft: Keine hohe philosophische Geschichtsschreibung, sondern lebhafte Beschreibungen der Lebensweisen und der sozialen Ursprünge von historischen Ereignissen. Hilfswerke fast, um zu kapieren woher wir kommen ... und (vielleicht) wohin wir gehen.

  Die deutsche Sprache...

... liebe ich wegen ihres schweren kompakten Systems. Ich finde hier die logischen Strukturen des Lateins wieder. Deutsch erinnert mich an den "Sound" vom Latein und an jene großartige Literatur des alten Roms.
Deutsch, eine Sprache der großen abstrakten Gedanken. Die Sprache der Philosophie und des Dramas. Weil sie sich dafür eignet. Weil Struktur und Logik besser als der Zufall die Abstraktion gewähren lassen. (Englisch ist purer Zufall).
Deutsch eine Sprache der Ordnung. Zwingt, die Gedanken in ein System einzurahmen, wenn man etwas verständliches von sich geben will. Auch deshalb ist Deutsch meine Sprache: Für Leute wie mich, die viel Chaos um sich haben und produzieren, gibt sie eben einen Rahmen.

Ich bin überzeugt, daß diese schwere Struktur der deutschen Sprache sogar die Art und Weise beeinflußt, wie die Deutschen z.B. in einer Diskussion miteinander sprechen. Diskussionen unter Italienern (nicht nur... auch unter Spaniern oder Franzosen...) laufen meistens auf ein lautes gleichzeitiges Zusammen- und Gegeneinanderreden (und –schreien) hinaus. Die Deutschen aber sprechen immer mit Bedacht, fallen sich nicht ins Wort. Ja, weil die Sätze überlegt sein müssen, im Kopf komplett gebildet werden müssen, um einen Sinn zu bekommen. Vielleicht.

Sunday, June 22, 2008

 

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