Durch Loretta Petti
… Eine Gesellschaft der Rücksichtslosen baut rücksichtslos, so what? War etwa früher alles besser? Wäre di moderne Stadt möglich geworden ohne rücksichtslose Eingriffe von Architektur, Politik, Ökonomie, wenn es sein muss, Polizei… Auch das think big früherer Epochen war ökonomisch, nur eben nicht neoliberal. Das heißt, es ging um zusammenhängende Räume zum Leben, Arbeiten und Wirtschaften, das Konzept sah Grenzen und Beziehungen vor. Die neoliberale Stadt kann gar nicht mehr groß, nicht einmal mehr „urban“ gedacht werden; ihre großen Projekte können nur entstehen, weil ihre Eigner/Entwickler einen Raum benutzen, den die geschmeidige Verbindung von Politik, Ökonomie, Wissenschaft und Kultur geschaffen hat, um in ihm zu wüten. Die Bewohnbarkeit ist gar kein Ziel dieser Stadt mehr, und das geheime Ziel vieler Gebäude scheint darin zu bestehen, den Raum zwischeneinander zu leeren, von Menschen, am Ende gar von Luft. Die neoliberale Bauweise in diesem Stadium richtet sich nach innen; daß das Gebäude, immer mehr autonom, überlebens- und entwicklungsfähig ist, wird bezahlt mit der Entlebendigung des Umfelds…
Gehe durch die Stadt. Dort, wo sie neoliberal umgestaltet ist, gibt es nichts mehr zu sehen. Zu Hause bist du nur in dem Drinnen, das die Security bewacht; draußen findet das Abweisende sein Zeichen. Hineinsehen sollst du in die untersten Etagen, dort arbeiten Menschen wie du. Die von oben kannst du nicht mehr sehen. Denen in den obersten Stockwerken gehört die Stadt, sie schauen darauf wie auf ein Spielzeug herab. Eine oligarchische Gesellschaft braucht oligarchische Bauwerke, so what?
Die Stadt wird… definiert durch die Verkehrsströme, die durch sie fließen, durch die Fähigkeit, Menschenwolken zu bilden. Die moderne Stadt erzeugte den Massenmenschen; die postmoderne Stadt wird vom massenmedialen Menschen erzeugt. Stadt ist, wo viele Menschen sich bewegen… Sie folgen den immer gleichen Strömen der Werbeschilder von einer Kaufgelegenheit zur anderen. Die nicht mehr vorhandene Stadt wird durch Shopping neu erschaffen… Die Knoten der Stadt bringt der Geruch von Fast Food hervor. Urban ist, wenn es viele davon gibt, mögen sie auch alle mehr oder weniger das gleiche anbieten. Fast Food ist die ideale Verbindung von Arbeit und Vergnügen; Fast food erzeugt eine Stadt, die sich sowohl als effizient und fleißig als auch als hedonistisch und unterhaltsam sehen lassen will.
Eine Stadt, die sich als Marke etablieren will, bricht unter dem Wuchern der Marken in ihrem Inneren zusammen. Die immergleichen Markenzeichen haben – neben Verkehr, Shoppingrouten, Food-Gerüchen, Licht und Projektionen – die Herrschaft in der virtuellen Stadt. Eine Stadt ist eine Stadt, weil sie die Menschen aus dem Umland anzieht, so wie ein Zentrum ein Zentrum ist, weil es die Menschen aus der Peripherie anzieht. Wie sie das machen, die Stadt und das Zentrum, ist zweitrangig, aber offenbar ist die Architektur nicht mehr das Leitmedium dafür. Die neoliberale Stadt entsteht trotz ihrer Architektur, nicht durch sie.
Die Konzetration der Kulturbauten des Neomonumentalismus, der Museumsquartiere und gentrifizierten Mausoleen ist nur auf den ersten Blick eine beeindrückende Ballung von Angeboten und Differenzierungen, genauer besehen ist sie nichts anderes als ein Auslagern: Die Kultur muss in der neoliberalen Stadt auf solche spektakuläre Weise klumpen, weil sie aus der realen Stadt vertrieben… wird, während das Zentrum für Shoppen die Durchsetzung mit Kultur aufhebt … Kulturelle Großbauten ermöglichen und maskieren das kulturelle Veröden der Innenstädte…
Das Geisterhaus, Georg Seeßlen, Konkret 5/2012
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