Viele, die sich gerne die Welt in Schwarz und Weiß ausmalen, verteufeln oft Lidl als die Ansammlung der schlimmsten und schlechtesten Produkte. Man meidet Lidl, meinen sie, und das reicht um umweltbewusst und gesund zu kaufen, zu essen, zu handeln. Ist es wirklich so einfach? Ist Lidl so viel schlechter? Was macht den Unterschied?
Leider genügt die Bezeichnung „Bio“ auf der Etikette nicht, um aus einem Produkt etwas Besseres zu machen. Die in Deutschland ziemlich verbreitete Überzeugung, dass Bio einfach, automatisch und bedingungslos gut ist, wurde schon mal von verseuchten Bioprodukten widersprochen, die vom Ladenregal zurückgezogen werden mussten. Mit dieser Bezeichnung „Bio“ meint man de facto eine schmale Produktionsnische, in der (angeblich) chemiefrei gearbeitet wird und die sich dementsprechend teuer verkauft. Gut für Wenige. Der Rest der Verbraucher, d.h. die Mehrheit, darf sich mit dem Schlechten vergiften. Und da bleibt die universelle Güte etwa auf der Strecke, in dem sie ein Alibi für die kleine Schicht wird, die sie sich leisten kann. Viel zu oft auf dieser Welt setzt das Gute für die Wenigen auch das Schlechte für die Vielen voraus: Man denke nur an die Vernichtung von Agrarprodukten (z.B. den Orangen in Süditalien), um den Markt mit guten und preiswerten Waren nicht zu überfluten, die u.a. der großen Agrarindustrie Konkurrenz machen würden.
Das letzte Buch von Carlo Petrini, dem Gründer von Slow Food, heißt „Buono, pulito e giusto - Gut, sauber und fair“. Lebensmitteln sind demnach okkei
a) weil sie gut schmecken,
b) weil sie auf einer natürlichen Weise, d. h. möglichst chemiefrei und umweltverträglich produziert werden und
c) zu fairen Preisen an der Quelle gekauft, mit der niedrigsten Umweltbelastung transportiert, vernünftig gelagert und unter ordentlichen Bedingungen (z.B. auch was das Verkaufspersonal am Ende der Kette betrifft) an die Endverbraucher gebracht werden.
Ohne die Zusammenkunft von diesen Faktoren ist das Gute von einem Produkt nicht oder nur zum Teil gegeben. Was nützt mir die Bioetikette, wenn etwas schlecht schmeckt? Oder kaufe ich vielleicht besser und allgemeingesehen gesünder, wenn ich mir die Bioprodukte aus armen Ländern im modischen keimfreien Biosupermarkt hole, ohne mich zu fragen, ob sie z.B. kinderarbeitsfrei sind? Die Moral macht auch die Qualität aus, meine ich, und das Unmoralische verdirbt den Magen.
Das ist im Grund auch die Aussage Carlo Petrinis: Es gibt zwar reine Geschmacks- und Gesundheitskriterien, die in die Bewertung eines Produktes hineingehen; es gibt aber auch soziale Kriterien, die man nicht vergessen darf. Gesund und gut essen setzt also auch soziales Gewissen voraus.
Ich persönlich weigere mich nicht immer dem Chemierausch: Ein Paar Antibiotikagarnelen gönne ich mir auch ab und zu. Ich versuche aber immer zu erfahren (und nicht zu vergessen), woran ich bin… und kriege ziemlich schnell ein schlechtes Gewissen.
Leider gelingt es mir selbst als Gastronomin nur mit Mühe und selten, die Informationen über ein Produkt zu bekommen, die ich bräuchte, um über seine Güte zu beurteilen. Egal wo ich einkaufe, im Fachhandel ober beim Lidl, erfahre ich die Herkunft eines Produktes aus der Etikette, ja, und sonst? Und sonst sehr wenig! Bei Lidl kaufe ich den gleichen Salat und die gleichen Tomaten aus Holland oder Spanien wie im Groß- oder Gastrofachhandel, und das zu ähnlichen, manchmal zu besseren Preisen. Nicht selten tragen die Lidl-Produkte sogar die Bezeichnung „Gut“ bis „Sehr Gut“ vom allmächtigen deutschen Warentest. Wo liegt also der Unterschied? Die blassen Hähnchen, die ich von einer großen Metzgerei bekomme und die fetten warentestausgezeichneten Lidl-Hähnchen sind gleich schlecht oder gleich gut, je nach Qualitätsanspruch.
Wo finde ich das buono, pulito e giusto?
Zunächst wird Qualität an der Quelle produziert, hier soll man sie suchen, hier entsteht grundsätzlich der Unterschied. Im Handel wird dann die Qualität gefördert und verbreitet, in dem man die nötigen Informationen den Verbrauchern weitergibt und „qualitätsfördernde“ Preise hat.
Von den Hähnchen de Bresse aus Frankreich weiß ich, wie lange sie gezüchtet, wo und wie sie gefuttert wurden und wie viel Platz sie zur Verfügung hatten, denn das alles ist vorgegeben und kontrolliert. Die Zucchini von Götz kommen aus einem Garten in Leonberg und ich erfahre jedes Mal von ihm was für Probleme und Freuden er mit seinen Zucchini hat und wie er damit umgeht und wie lange her sie schon geerntet wurden undund… Über das Rindfleisch von der Beuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall weiß ich auch viel. Genauso von ihren schwäbisch-hällischen Schweinelachsen, aus denen ich gerne und oft meinen Arista-Braten mache. Ich telefoniere auch regelmäßig mit ihrem Metzger und tausche mich mit ihm aus.Die toskanische Bistecca Fiorentina darf nur aus Tieren kommen, deren Züchtung geschützt und geregelt ist. Der Fisch, den ich wöchentlich von Akin aus Paris bekomme, wurde von den kleinen Fischerbooten gefischt, Akin garantiert dafür.
Lidl oder nicht Lidl allein ist also nicht entscheidend, wie man sieht. Und Aldi, Rewe, Netto, Metro, Mega, sogar Böhm selbst machen auch allein keinen Unterschied. Nicht das Geschäft an sich ist schlechter oder besser, so lange dieses Geschäft die Produzenten an der Quelle und sein Personal fair behandelt. Die Produkte geschützter Herkunft, über die man mehr erfahren kann als nur den Ort aus dem sie kommen, sichern die Qualität. Erst wenn gewisse Informationen uns zur Verfügung stehen, haben wir dann als Verbraucher die Freiheit, zwischen einer gesunden und einer vergifteten Ernährung zu wählen. Und wir werden gern und treu im Geschäft einkaufen, das diese Informationen am besten und klarsten an den Kunden bringt, weil vor allem diese Transparenz macht einen guten Laden aus.
Deshalb ist die Bioetikette allein auch nicht das Kriterium, und die sogenannte „Ampel“ auf der Etikette, die man einführen will, keine Hilfe zur gesunden Ernährung, sondern nur eine nichtssagende Obrigkeitsvorgabe .
Ein Paar Ewigkeiten her konnte man im kleinen Tante-Emma-Laden viel über die Waren erfahren, denn sowohl die Verkäufer als auch die Käufer hatten eine andere direktere Beziehung zu den Produkten. Heute kauft man im Winter im Biosupermarkt Biomelone aus Brasilien. Ist das gesund? Ist das korrekt? Ist das vielleicht nicht eine Lüge? Wird nicht alles gleich, alles platt gemacht?
Die Globalisierung - bio hin oder her - lässt die Biodiversität und die kulinarischen Kulturen verkommen, gegen die Natur und gegen den Geschmack. Nur die regional angepassten und die herkunftsgeschützten Lebensmitteln sind aber gut, nur die fair gehandelten Produkte sind Genuss für Körper und Geist. Nur die Geschäfte, deren Waren diese Eigenschaften vereint aufweisen, sind wirklich besser. Alles andere ist lidlidl.