Durch Loretta Petti
… Es wäre naiv anzunehmen, dass mit besserer Kenntnis und mehr Erleben zugleich ein positiveres Bild von den Migranten und Migration entstehen würde. Der Blick wird nicht milder, eher schärfer. Zu sehen ,dass ein begabter türkischer Junge in der Schule auf der Strecke bleibt, weil er als einzige in der Familie Deutsch redet und an der damit verbundenen heimischen Chefrolle scheitert, der kriegt Wut auf seine Eltern. Mitzubekommen, dass ein kluges Mädchen zur Friseurlehre gedrängt wird, weil es eben einfacher scheint, das enttäuscht. Zu erleben, dass ein talentierter tunesischer Junge keine Gymnasialempfehlung bekommt, weil sein deutscher Lehrer nicht gelernt hat, zwischen Fremdheit und Dummheit zu unterscheiden, das schmerzt.
Der Unterschied zu Sarrazins abstrakter Muslimenfeindlichkeit und zu seinem Statistikerblick liegt eher darin, das man von Nahem die Geschichten sieht, Lebenswege, die in der Regel weit turbulenter waren als die von Westdeutschen…
Und vor allem übersieht man aus der Nähe nicht die vielen Geschichten vom Gelingen, man erlebt die Mühe, die Liebe und die Solidarität, die dazu führen, dass zwei Drittel der Türken ganz gut integriert sind, dass sie Steuern zahlen, dass sie ihren Kindern mehr mitgeben, als sie selbst einst bekommen haben.
Wo das Leben nicht konkret wird, da entsteht Platz für Ideologien. Deswegen zeigen sich in der aktuellen Debatte noch die Frontlinien des vergangenen Jahrhunderts…
Bernd Ulrich, Die Zeit, 2.09.2010
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